«Wir müssen Herzen berühren»

Thomas Wieland will den materiellen Überfluss nicht mehr länger hinnehmen. Auf seinen «Gmüesesel»-Fitnessgeräten schwitzen deshalb die Leute nicht nur für ihre Schönheit: Sie pressen dabei Raps zu Öl oder mahlen Mais zu Polenta.

Herr Wieland, wie viel Polenta wurde heute schon mit Ihren Maisvelos produziert?
Nur ein "Bödeli" voll – der Abend hat erst begonnen. Pro Abend mahlen und pressen unsere Besucher auf den drei Velos und dem Crosstrainer rund 3 Kilo Polenta und 3 Liter Öl. Statt ihre Energie auf den Geräten zu verschwenden, verarbeiten sie Nahrungsmittel – die Produkte verkaufe ich danach am Berner Märit.

Wie kamen Sie denn auf die Idee, Getreide mit Muskelkraft zu verarbeiten?
Als mir die Zusammenhänge unserer Konsumwelt bewusst wurden, legte ich einen Garten an. Das war der Anfang. Doch wie konnte ich mein Gemüse ökologisch verarbeiten? Hier fehlten die Konzepte. Ich entwickelte deshalb einen Ofen, der mein Gemüse mit der Restwärme einer Solaranlage dörrt. Der Schritt zu den Fitnessgeräten, auf denen unglaublich viele Leute ihre Energie abgeben, war klein. An den produktiven Fitnessgeräten gefällt mir der direkte Bezug zur Arbeit, bei der ich verstehe und spüre, was passiert.

Kann Technik die Welt retten?
Nein, sie spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Veränderung entsteht, wenn Herzen berührt werden. Technik kann uns zwar helfen, weniger verschwenderisch zu leben. Doch was bringen Autos, die weniger Benzin verbrauchen, wenn immer mehr Menschen immer mehr Kilometer mit ihnen fahren?

Seit wann spüren Sie den Drang, die Welt zu verändern?
Ich studierte und reiste für einen Grosskonzern um die ganze Welt. Als ich in China sah, wie hart viele Menschen arbeiteten und wie arm sie waren, wurde mir bewusst, wie verwöhnt ich war. Ich begriff, wie sehr wir auf Kosten anderer leben. Ich musste mich entscheiden: entweder den Wohlstand oder das Gewissen drosseln. Daraufhin suchte ich nach neuen Lebensentwürfen.

Wie leben Sie heute?
Ich lebe auf einem Bauernhof und produziere auf einem halben Hektar die Rohstoffe für den "Gmüesesel". Ich will jeden Arbeitsschritt, der in der Entwicklung vom Samen bis zum fertigen Produkt anfällt, lernen. Der Mensch sollte wieder vermehrt in die Produktion unserer Nahrung integriert werden – das ist meine Vision.

Sie sind seit Kurzem Vater. Werden Sie als Nächstes eine Maschine erfinden, die die überschüssige Energie Ihres Sohnes einfängt?
Vielleicht strampelt er ja schon bald mit. Ich möchte künftig auf die Ideen des "Gmüesesel" setzen. Ich habe deshalb meinen gut bezahlten Teilzeitjob aufgegeben. Nun muss ich körperlich härter arbeiten und verdiene weniger. Dafür komme ich abends meist zufrieden und beflügelt nach Hause. Davon profitiert auch mein Sohn: Wenn ich meinem eigenen Feuer nachgehen kann, werde ich auch ein besserer Vater sein.

Der Elektroingenieur lebt in Thörishaus bei Bern. Auf seinem Restwärmedörrapparat dörrt er Gemüse und Obst und verkauft es auf dem Berner Märit. 2015 eröffnete der 42-Jährige seinen Fitnessraum in der Oekonomischen Gemeinnützigen Gesellschaft Bern. www.gmüesesel.ch

text: manuela ryter, textbüro manuskript bern
auftraggeberin: oliv-zeitschrift.ch