Schönheitsputzete und Schmusestunde

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Tierisches Aufwachen an der BEA

Putzen, füttern, striegeln, streicheln - auf dem BEA-Gelände geht der Tag schon lange vor den ersten Besuchern los. Kühe werden gemolken, Rennschweine auf Trab gehalten - nur die Fohlen bleiben liegen.

Lilian, von edler Rasse - «Red Holstein», steht auf der Tafel über ihr -, macht grosse Augen, dreht den Kopf und schaut im BEA-Zelt umher, blinzelt und schnuppert am Stroh, in welches sie weich gebettet liegt. Gleichgültig schaut sie zu ihrer Nachbarin hinüber - es ist eine Simmentaler Fleckviehkuh - und gibt keinen Laut von sich. Es ist noch früh, die BEA-Hallen sind fast menschenleer, doch Lilian ist schon gemolken, gewaschen und gestriegelt, ihr Bauch ist gefüllt, das Stroh gewechselt. Lilian ist eine gemütliche Kuh. Und gemütliche Kühe kauen auch gemütlich vor sich hin, wenn sie herausgeputzt mit rund hundert Hinterwäldler Chälbli, Eringer Kampfkühen und Charolais-Rindern in einer Ausstellungshalle liegen, in Auslaufboxen oder, wie Lilian, schön in einer Reihe.

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Ganz so gemütlich nimmt es die Stallmannschaft zwei Stunden vor Türöffnung der BEA nicht, doch auch sie lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Gemächlich führen die Landwirte Neptun, Blümchen und Coletta nach draussen, duschen und schrubben sie, bis sie dampfen, während der Tierarzt seine Runden macht. Punkt 9 Uhr müssen die Tiere bereit sein für den Ansturm tierliebender Städter, fachsimpelnder Landwirte und kreischender Kinder, doch noch ist es still, ja fast bedächtig still in den Hallen. Nur aus der Ecke der Jungzüchter trällert leichte Popmusik.

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Die Musik sei zur Unterhaltung, sagt Adrian von Känel aus Aeschiried, während er das Melkgeschirr abspült. Und für die Kühe sei sie ein Signal, «dass es losgeht». Bereits um 4 Uhr werden die Tiere gemolken, damit sie um 16 Uhr für das grosse Schaumelken bereit sind. Das mache ihm nichts aus, sagt der 20-jährige von Känel - schliesslich sei es eine grosse Ehre, ja gar der Bubentraum eines jeden Landwirts, einmal BEA-Melker zu sein. Nicht nur Melken und Ausmisten - auch Streicheln gehöre zur morgendlichen Tätigkeit, sagt Tabea Kobel, denn «auch Kühe brauchen Zuneigung». Einige seien richtige «Hätschelis», sagt die junge Landwirtin, manche Tiere stellten sich ihr jeweils gar in den Weg, damit sie sie «chräbele».

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In der Pferdehalle ist der Betrieb lebhafter, es wird gewiehert und geschnaubt - nur die Fohlen liegen noch schläfrig im Stroh. Nicht so Darkys Reckless: Das schwarze «Füli» tollt sich übermütig aus - es werde mit jedem BEA-Tag frecher, sagt seine Besitzerin. Ein Fohlen leckt die letzten Flocken aus dem Futtertrog, während nebenan Flamenco wütend schnaubt: Tarifa, «seine» trächtige Stute, wurde kurz aus ihrer Box entführt, damit diese gereinigt werden kann. Das BEA-Gelände erwacht langsam, auch wenn die Wege zwischen den Hallen noch leer sind. Aussteller, Züchter und Brezelbäcker putzen ihre Stände, die Rennschweine werden auf Trab gehalten, und auch die wolligen Lamas stellen sich allmählich auf ihre Beine und knabbern am saftigen Gras.

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Die Uhr schlägt neun, und schon kommen Familien, ältere Ehepaare, pubertierende Jugendliche, Landwirte in Helly-Hansen-Jacken. Kinder mit roten Backen drängeln zu den Berner Sennenhunden, streicheln die Geissen, quetschen sich zu den rosaroten «Säuli» und kraulen sie hinter den Ohren, langen durch die Gitterstäbe zu den «Fülis», streicheln die Hasen im Gehege. Und als um 10 Uhr das Säulirennen losgeht, wird um freie Plätze gekämpft. Draussen hat sich das Areal gefüllt, das Riesenrad dreht seine Runden, es riecht nach Bratwurst und Magenbrot. Eine Hexe krächzt aus einem Lebkuchenstand und ein Werbe-Gemüseschnetzler schnetzelt Zwiebeln und Karotten. Hunderte Besucher warten am Eingang, drängeln und drücken.

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Lilian zerkaut indes ein neues Büschel Heu. Sie lässt sich mustern und bewundern, macht grosse Augen, kaut und blinzelt. Gleichgültiger als je zuvor.

Text: Manuela Ryter

Dieses Feature erschien am 6. Mai 2005 im "Bund".​