Langes Warten auf Torres
Die Euro ist vorbei – und schon stehen die Fussballhelden wieder auf Schweizer Rasen: In Interlaken kicken sich seit gestern die Stars des FC Liverpool fit. Nur die Europameister fehlen.
Der Rasen vor dem Bildungszentrum Interlaken (BZI) im Bödeli liegt da wie immer – er ist grün und durchnässt vom kalten Regen. Nichts deutet darauf hin, dass hier in weniger als einer Stunde an diesem Sonntagabend Weltstars auftauchen werden: Der FC Liverpool wird sich hier während neun Tagen fit kicken. Und das Beste daran: Zum Team gehören auch Torres und drei weitere Europameister. Die Ruhe täuscht denn auch: Hinter dem Absperrgitter gehen einige Herren hektisch auf und ab. Die ersten Zuschauer sichern sich auf der Tribüne einen Platz. Die Mähmaschine dreht ihre Runden.
«Das Gras sei noch zu lang, hat man mir gesagt», sagt Max Lauener. Der grüne Teppich wird deshalb noch einmal frisch frisiert: 23 Millimeter lang muss er sein. «Und zwar haargenau.» Der Hauswart der Sportanlagen ist für die perfekten Trainingsbedingungen verantwortlich. Es gehe hektisch zu und her, so kurz vor der Ankunft der Weltstars. Aber es werde «ein Highlight», sie hautnah zu erleben. Lauener ist einer der wenigen, die Zugang zu den Spielern haben. Sie wollten absolute Ruhe, sagt er. Bereits vorigen Sommer waren die «Reds» in Interlaken im «Lager». Im Luxushotel Victoria-Jungfrau haben sie zwei Etagen bezogen – auch hier leben die laut Lauener «wortkargen» Spieler abgeschottet von der Öffentlichkeit.
Zwei Balljungs melden sich an. Nervös und mit glänzenden Augen. Sie gehören zu den sechs Glücklichen, die den von den Stars aus dem Feld gekickten Bällen nachrennen dürfen. «Ich bin ganz aufgeregt», sagt der 13-jährige Elia von Allmen. Gerrard, Torres, Degen – alle werde er hautnah erleben. In der Schule seien sie ganz neidisch auf ihn. «Vielleicht werde ich sogar mit ihnen reden können!» Vielleicht. Presseinterviews jedenfalls geben die Hünen keine. Fotografen sind nur im Zuschauerraum erlaubt. Nur so habe man dafür sorgen können, dass die englische Presse zu Hause bleibe, sagt ein Betreuer, der nicht genannt werden möchte.
Der Regen wird stärker, die Spieler tauchen plötzlich auf. Helfer verteilen auf dem Rasen rote und weisse Hütchen. Ein Murmeln geht durch die rund 200 Zuschauer, die unter ihren Regenschirmen auf der spärlich besetzten Tribüne stehen. Manch einer nimmt den Feldstecher und beobachtet die Spieler, die in schwarzen Trainingsanzügen im Trockenen stehen und in den Regen starren. «Wo ist Torres?» Das ist die Frage des Abends. Von ihm und den drei weiteren Europameistern fehlt jede Spur. Doch die Spieler sind weit weg. «Wir werden Torres schon noch erblicken», sagt ein Vater zu seinem ungeduldigen Sohn.
Die Kicker starten nun, joggen ruhig im strömenden Regen um den Fussballplatz. Einige lächeln, als sie an den Zuschauern vorbeilaufen. Während die Öffentlichkeit in England ganz von den Trainings ausgeschlossen ist, dürfen die Zuschauer hier in Interlaken immerhin in einer markierten Zone am Rand zuschauen. Und wer Glück hat, ergattert sogar ein Autogramm, wenn die 28 Spieler mit ihren 12 Trainern und Betreuern mit dem Velo im Trainingszentrum ankommen. Interlaken ist stolz auf die prominenten Kicker: Nachdem es nicht gelungen sei, eine Euro-Mannschaft nach Interlaken zu locken, sei das Trainingslager des FC Liverpool «mehr als nur ein Trostpflaster», schrieb die «Jungfrau Zeitung» euphorisch.
Die Fussballstars verteilen sich auf dem Feld, spielen sich ein. Man hört Rufe, Trainer Rafa Benitez schreit der Mannschaft Anweisungen zu. Die Zuschauer harren wie erstarrt im Regen. «Da ist Degen! Der mit den weissen Socken!», ruft ein Mann mit Feldstecher. Immerhin. «Doch wo ist Torres?» Die Europameister sind nicht da. Sie seien in den Ferien, spricht sich herum. Die Enttäuschung ist gross im Bödeli. Und der Regen wird immer stärker.
Text: Manuela Ryter
Dieser Artikel erschien am 14. Juli 2008 im "Bund".